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"Containertagebuch 66"
Berichte |
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Norderstedt, November 2019 |
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Horst/Mecklenburg Herbst 2019 Es ist ja nicht alles schlechter geworden in Horst. Die meisten Bewohner/innen haben jetzt Bustickets bekommen, und die Busse fahren auch etwas öfter. Oft sind es allerdings Rufbusse, die man spätestens zwei Stunden vor Abfahrt bestellen muss, und ich frage mich, wie das mit rudimentären Deutschkenntnissen geht - schließlich gibt es im Lager keine Deutschkurse, auch keinen Schulunterricht für die Kinder. Ansonsten regiert der übliche Wahnsinn. Ein Bewohner, schon etwas angetrunken, hat sich von seinem Zimmernachbarn fünf Euro geliehen, um sich noch etwas zu trinken zu holen. Er verschwindet, für die Temperaturen Ende Oktober unzureichend gekleidet und taucht tagelang nicht wieder auf. Es kommt ein Gerücht auf, er sei tot, läge erfroren im Wald. Die Polizei erscheint beim Mitbewohner und lässt sich für einen DNA-Abgleich Haar- und Zahnbürste des Vermissten geben. Am 15.11. sind wir vor Ort, auch um zu erfahren was da jetzt Sache ist. Der Mitbewohner berichtet, derweil fahren zwei Polizeibusse und ein Streifenwagen auf, um - nach unseren Informationen - im Lager nach dem Verschwundenen zu suchen. Später gibt es eine Pressemeldung darüber. Irgendwann später taucht der Gesuchte tatsächlich wieder wohlbehalten auf, was in der Zwischenzeit passiert ist, bleibt im Dunkeln. Die Geheimhaltungstaktik von Landesamt und Lagerleitung trägt in solchen Fällen eindeutig zur Gerüchtebildung und Verunsicherung aller Betroffenen bei. Weiterhin sind Ärzte nur sporadisch von Ort. So werden notwendig gewordene fachärztliche Untersuchungen immer wieder verschleppt. Letzte Woche stellte mir ein Bewohner eine junge Frau mit Epilepsie vor - nachgewiesen durch einen Facharztbrief - die trotz Medikation immer wieder Krampfanfälle bekam. Arzt oder Krankenschwester im Lager hätten ihr daraufhin gesagt, zum Neurologen müsse sie erst in einem Jahr wieder, und ohne Überweisung kommt sie da nicht hin. Wir setzen uns in mein Auto - Patientin Beifahrerseite, Dolmetscher Rücksitz, das Lenkrad dient mir als Schreibunterlage. Ich schreibe ihr ein Attest, dass sie wegen ihrer Krampfanfälle dringend und zeitnah einem Neurologen vorgestellt werden müsse, und notiere mir ihre Telefonnummer, um später nachzufragen, ob das passiert ist. Nach meiner bisherigen Erfahrung hilft das manchmal. Neben dem Beratungscontainer, den wir vom Hamburger Flüchtlingsrat nicht mehr betreten dürfen (siehe letztes Tagebuch, Nr. 65), steht ein Toilettencontainer, den ich vor meiner Heimfahrt aufsuche. Als ich ihn fünf Minuten später wieder verlasse, steht ein junger Wachmann vor der Tür und erklärt mir, dass ich diesen Bereich nicht betreten dürfe. Wo ich mich denn anmelden müsste, wenn ich auf Toilette will, frage ich. Der junge Mann zuckt mit den Schultern. Er sei nur angewiesen worden, mir das zu sagen. Da ich das, was ich im Toilettencontainer wollte, bereits erledigt habe, verzichte ich auf eine weitere Eskalation und verlasse diesen gastlichen Ort weisungsgemäß. | ||||
| Der Soldan-Bericht 66 als PDF zum Download: —> | ||||
| Letzte Änderung: 19/11/19 |
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